Geige oder Gepäck? Lufthansa gegen die Musik – der absurde Streit um 25 Zentimeter
Wenn ein Geigenkasten zum Sicherheitsrisiko wird
Carolin Widmann, Star-Geigerin mit internationalem Ruf, hat mit einer Guadagnini-Geige von 1782 ein Instrument unter dem Arm, das Millionen wert ist – emotional wie finanziell. Doch was ihr jüngst mit Lufthansa passiert ist, klingt wie ein Albtraum über den Wolken: Auf dem Weg von Helsinki nach Frankfurt durfte sie ihr wertvolles Instrument nicht im Kasten als Handgepäck mitnehmen. Begründung: Der Kasten sei 25 Zentimeter zu lang.
Ein zweiter Sitzplatz? Wurde verweigert – trotz leerer Reihen. Senator-Status? Interessierte niemanden. Statt aufzugeben oder 7.000 Euro für einen späteren Flug zu zahlen, wickelte Widmann die nackte Geige unter ihren Pullover. Eine Szene, wie aus einem absurden Film – und für jeden, der ein bisschen Ahnung von Musik oder Flugreisen hat, schlicht unverständlich.
Vorschriften oder Willkür? Was die Lufthansa sagt
Die Lufthansa beruft sich auf ihre Handgepäck-Richtlinien – diese seien aus Sicherheitsgründen und „internationalen Standards“ heraus so gestaltet. Nur: Diese Standards gibt es offenbar gar nicht in der Form, wie Lufthansa sie verkauft. In den USA etwa zählt das Volumen des Gepäcks, nicht seine Länge. Andere Airlines sind deutlich flexibler, vor allem bei sensiblen Gütern wie Musikinstrumenten.
Ein Sprecher der Lufthansa erklärt: “Die Sicherheit unserer Flüge hat höchste Priorität.” Klingt gut – aber hat in diesem Fall eher den Beigeschmack von Bürokratie statt gesundem Menschenverstand. Denn ein schlanker Geigenkasten stellt wohl kaum ein höheres Risiko dar als ein vollgestopfter Trolley.
Der Ton macht die Musik – und der Widerstand wächst
Carolin Widmann ist nicht irgendwer. Sie ist oft und viel mit Lufthansa geflogen – bisher ohne Probleme. Dass ausgerechnet jetzt ein Flugbegleiter in Helsinki so stur auf den Zentimeter genau nachmisst, wirkt wie ein schlechter Witz. Doch Widmann gibt nicht klein bei. Stattdessen schreibt sie einen offenen Brief an Lufthansa-Chef Carsten Spohr – und bekommt Tausende Reaktionen aus der Musikwelt. Die Lufthansa? Reagiert mit Meilen-Gutschrift und einer Bitte um Gespräch. Nett, aber nicht zielführend.
Widmann will keine Bonusmeilen – sie will, dass sich etwas ändert. Und sie ist damit nicht allein: Musikerinnen und Musiker aus ganz Europa berichten von ähnlichen Vorfällen. Denn der Transport von Instrumenten im Flugzeug ist oft ein Glücksspiel. Mal klappt’s, mal wird man wie ein Sicherheitsrisiko behandelt – ohne nachvollziehbaren Grund.
EU am Zug – aber wie lange noch?
Immerhin: Das Thema landet jetzt auch auf den Schreibtischen in Brüssel. Denn die Ungleichbehandlung von Instrumententransporten bei Airlines ist längst kein Einzelfall mehr, sondern ein strukturelles Problem. Musikerinnen und Musiker sind darauf angewiesen, mit ihrem Instrument zu reisen – und zwar ohne Angst, dass ein übermotivierter Check-in-Mitarbeiter ihr wertvollstes Arbeitswerkzeug abweist.
Die EU diskutiert bereits seit Jahren über einheitliche Regeln für den Instrumententransport. Doch wie so oft in Brüssel: Die Mühlen mahlen langsam. Bis dahin bleibt der Appell an die Airlines – und an die Lufthansa im Speziellen – ihre Regeln nicht wie starre Gesetze, sondern wie das behandeln, was sie sind: Richtlinien mit Interpretationsspielraum.
Eine Einordnung
Wenn man für 25 Zentimeter riskiert, ein Kulturgut zu beschädigen oder gar Musikerkarrieren zu gefährden, dann stimmt etwas im System nicht. Airlines wie Lufthansa zeigen sich in der Werbung weltoffen, innovativ und kundennah – und versagen dann ausgerechnet da, wo ein bisschen Fingerspitzengefühl gefragt wäre. Wer sagt denn, dass Sicherheit und Vernunft sich ausschließen müssen?
Die Wahrheit ist: Manche Regeln müssen nicht abgeschafft, sondern einfach intelligenter angewendet werden. Sonst bleibt am Ende nicht nur die Geige nackt, sondern auch das Image der Airline.
Quelle: NDR.de
Erlebst du Probleme mit Fluggesellschaften? Kontaktiere uns jetzt für rechtliche Unterstützung und setze deine Rechte durch!